Binnenschiffer berichten auf einem renovierten Schlepper auf der Buga über das Auf und Ab der 202 Kilometer langen Bundeswasserstraße Neckar – und üben Kritik an der Verkehrspolitik.

Alle reden vom Wasser, von der Stadt am Fluss, von der Wiederentdeckung des Neckars. Doch die, die von der Bundeswasserstraße leben, sehen es differenzierter. „Schiff ahoi! So rufen sie im Hamburger Hafen. Und bei uns nur noch: hoi, ä Schiff!“ Mit dem alten, aber dennoch aktuellen Witz spielt Roger Staudt auf den Niedergang der Neckarschifffahrt an. Gleichwohl ist dem gelernten Binnenschiffer und Betriebswirt aus Haßmersheim das Lachen nicht vergangen.

Viele Infos an Bord

Während der Buga liegt der 51-Jährige mit Heinz Haferkamp und Eugen Emmig an der nördlichen Kraneninsel vor Anker. Auf dem Schlepper mit dem etwas trockenen Namen „Hafenamt Heilbronn“ stehen die Drei Besuchern Rede und Antwort. Sie berichten aus glorreichen Tagen, zeigen im Schiffsbauch Bilder und andere Utensilien.

Nachhilfe in Sachen Schifferdeutsch

Manche Landratten lassen sie sogar das Horn blasen. „Wobei der Fachbegriff fleuten heißt“, weiß Staudt, „das kommt aus dem Holländischen“. Nebenbei baut der Steuermann mit südfränkischem Zungenschlag eine Eselsbrücke für Steuerbord und Backbord: „Steuerbord hat zwei R und steht für Rechts. Alte Kähne hatten das Steuer immer rechts. – Links war dann hinten.“

Ganz schön stark

Der 250 PS starke Schlepper „Hafenamt“, der zuvor „Schlepper XI“ und „Magdalena“ hieß, wurde 1910 in Holland gebaut und ging 1955 in den Besitz der Reederei Schwaben über. Seit Ende der 1970er gehört er der Stadt. Vor wenigen Jahren wurde er ausmusterte. Erst durch die Buga tauchte er nach einer Sanierung aus der Versenkung auf, berichtet der 74-jährige Haferkamp, der 25 Jahre lang Heilbronner Hafenmeister war. Was mit dem Schiff nach der Buga passiert, sei noch offen. Für Haferkamp ist klar: „Dieses Stück schwimmende Historie muss erhalten bleiben.“

Einst verkehrten Neckaresel

Solche Schlepper hätten bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg mitunter über 1000 Tonnen tragende Frachter, die ursprünglich keinen Motor hatten, ab Mannheim flussaufwärts gezogen. Ihre Vorläufer waren die sogenannten „Neckaresel“, genauer gesagt „Kettenschlepper“, berichtet Eugen Emmig (76) aus Eberbach, dessen Urgroßvater Heinrich Stumpf noch einen solchen betrieb.

Bewegte Geschichte des Flusses

Über die wechselvolle Geschichte des Neckars, „über sein Auf und Ab“, wie Buga-Chef Hanspeter Fass sagt, informieren an der Kraneninsel und am historische Wilhelmskanal Schautafeln. Eine größere Ausstellung gebe im Wohlgelegen bei der Firma Rettenmaier einen Eindruck von glorreichen Tagen. „Einst gab es allein in Haßmersheim über 100 Partikuliere, also private Binnenschiffer“ berichtet Staudt, heute nur noch drei. „Zwischen Heilbronn und Mannheim lagen an manchen Tagen 300 Schiffe“, ergänzt Haferkamp, „heute muss man sie suchen“. In den 1990ern sei der Gesamtumschlag am Neckar noch bei über zehn Millionen Tonnen gelegen, heute bei der Hälfte. Dabei wäre etwa der Wiederaufbau Heilbronns nach der Kriegszerstörung ohne Schiffe gar nicht möglich gewesen, „Straßen und Schienen waren ja zum Großteil kaputt.“

Ursachen für den Niedergang

Wer für den Niedergang verantwortlich ist? Das Problem sei vielschichtig, sagen die drei. Einerseits gerate die Wasserstraße durch den Auto- und Lkw-Boom ins Abseits, was nicht zuletzt einer verfehlten Verkehrspolitik anzulasten sei, aber auch Anliegerfirmen, die nach den Boomjahren der 50er, 60er und 70er Jahre die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten. So sei etwa das Containerterminal in Heilbronn viel zu spät gebaut worden. Auch die seit langem geplante Vergrößerung der teils schon 100 Jahre alten Schleusenkammern für größere Schiffe, komme an den 27 Staustufen nur langsam voran.

Pendelverkehr zu Wasser

Der Schlepper legt nur bei besonderen Anlässen ab. Einen kostenlosen Pendelverkehr zwischen Wohlgelegen, Alter Reederei und Campuspark bietet die „Willy Schneider“ der Charterliner GmbH van de Lücht an: laut Buga fuhren schon 400 000 Besucher mit.

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Hafengeschichte

An diesem Freitag, 5. Juli, 15 bis 15.30 Uhr, gibt es in der Ausstellung „Zeitreise Neckar“ neben der Firma Rettenmaier im Wohlgelegen einen Vortrag über das Hafengebiet und seine Urzelle im historischen Wilhelmskanal. Der Kanal wurde 1819/21 jenseits der alten Neckarschleife gebaut und machte erstmals einen durchgehenden Schiffverkehr bis Cannstatt möglich. Er wurde sukzessive zum Hafen ausgebaut und bekam 1848 einen Eisenbahnanschluss. Für Boote ist er bis heute in Betrieb.